Wir sind am Leben – Das Berlin Musical
Wir sind am Leben – das Berlin Musical
Ich hatte im Vorfeld einige Bewertungen gesehen, die nicht besonders überzeugend waren, und bin deshalb ohne große Erwartungen ins Theater des Westens gefahren, um „Wir sind am Leben – das Berlin Musical“ zu sehen.
Nun komme ich gerade heraus und muss sagen: harte Kost, ein hartes Pflaster – Berlin.
Ich bin ja erst 2005 nach Berlin gekommen, also etwa 15 Jahre nach der Zeit, in der dieses Musical spielt. Ich habe nur noch die Ausläufer dieser Ära miterlebt – die letzten Clubs, die letzten Bars.
Aber vieles davon kann ich absolut nachvollziehen.
Auch ich war einmal in Berlin, bin nicht mehr davon losgekommen, immer wieder zurückgekehrt, ins Berliner Nachtleben eingetaucht, schließlich hergezogen und habe es einige Jahre intensiv gelebt.
Als ich ankam, gab es noch vereinzelte besetzte Häuser. Die meisten waren jedoch schon geräumt. Aber Kreuzberg war immer noch rebellisch.
Das Musical beginnt mehr oder weniger mit einer Drag-Performance, die Marlene Dietrich imitiert. Wäre ich 1990 in dieser Szene gewesen – so wie ich 2005 war – wäre ich vermutlich genau auf dieser Party gelandet.
Ich kenne dieses Gefühl, wenn einen Berlin überkommt. Ich kenne aber auch das andere Gefühl: in der mit Abstand größten Stadt Deutschlands zu sein – und sich trotzdem allein zu fühlen.
Ich kenne das Gefühl, wenn die eigene Heimatstadt plötzlich viel kleiner wirkt als zuvor. Ich habe Menschen in allen Stadien des Drogenkonsums gesehen, und Musik war immer ein Teil davon.
Ich habe Menschen erlebt, bei denen alles zusammenkam: Sex, Drugs & Rock’n’Roll – und geplatzte Träume. Und ich habe auch die eine oder andere Person kennengelernt, die heute nicht mehr lebt, für die Berlin einfach zu viel war.
Das sind meine Erfahrungen aus 2005. Ich nehme an, die Erfahrungen der 1990er waren noch intensiver. Ein Teil von mir hätte das gerne miterlebt.
Glücklicherweise musste ich mir zur Hochzeit der AIDS-Epidemie darüber keine Gedanken machen. Ich kannte keine erkrankten Menschen in meinem direkten Umfeld, niemand ist daran gestorben. Wirklich bewusst wurde mir das Thema erst, als ich bereits in Berlin war.
All diese Themen – und noch mehr, wie verlorene Jobs in Ostdeutschland, Stasi-Vergangenheiten und gesellschaftliche Umbrüche – greift dieses Musical auf.
Es ist ein bewegendes Stück. Mich hat die Geschichte tatsächlich mehr mitgerissen als die Musik.
Natürlich gab es einige Gänsehautmomente. Bei „Die Schlampen sind müde“ – ein Song von Rosenstolz, der auch den Soundtrack meiner ersten Jahre in Berlin geprägt hat – wurde es besonders intensiv. Insgesamt war es aber die Geschichte, die mich stärker berührt hat.
AIDS, die Diagnose, die Krankheit und der Tod – all das ist sehr präsent inszeniert. Es hat mir einen echten Kloß im Hals beschert und mich beinahe zu Tränen gerührt.
Damit war dann auch klar, warum das Musical
„Wir sind am Leben“ heißt.
Berlin ist ein hartes Pflaster. Berlin war ein hartes Pflaster. Und das hier ist ein hartes Musical.
Aber auch ein schönes. Und definitiv ein sehenswertes – vor allem für alle, die in Berlin leben oder hierhergezogen sind.
